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    Steinbrück weicht wütender FR-Belegschaft aus

    Franfurter Rundschau

    Steinbrück weicht wütender FR-Belegschaft aus

    Protest von FR-Beschäftigten beim SPD-Landesparteitag in Hanau. ver.di Frankfurter Rundschau  – Protest von FR-Beschäftigten beim SPD-Landesparteitag in Hanau.

    09.03.2013 - Die Totenglocke der Frankfurter Rundschau läutete am Samstagmittag vor dem Tagungslokal der hessischen SPD. Sie klang laut, hoch und fast so schrill wie die vielen Trillerpfeifen der fast 200 ehemaligen FR-Drucker und Redakteure auf dem Hanauer Schlossplatz. Die Demonstranten erinnerten mit dem Krach die  Sozialdemokraten daran, dass man soziale Verantwortung nicht nur fordern, sondern auch vorleben muss. Die zur SPD gehörende Deutsche Druck- und Verlagsgesellschaft (DDVG) lasse die mehr als 400 FR-Beschäftigen ebenso im Stich wie der frühere FR-Mehrheitsgesellschafter DuMont-Schauberg.  „Wir fühlen uns betrogen!“ rief der FR-Betriebsratsvorsitzende Marcel Bathis per Megafon den im Congress Park tagenden SPD-Kandidaten zu.  Die SPD-Schatzmeisterin Barbara Hendricks habe deutlich gemacht, dass ihr die jetzt auf der Straße stehenden FR-Beschäftigten keinen Euro mehr wert seien.

    Ausführliches Video auf Youtube zum Protest der FR-Belegschaft beim SPD-Landesparteitag Hessen

    Der hessische SPD-Landesvorsitzende Thorsten Schäfer-Gümbel spricht zu den Demonstranten. ver.di Schäfer-Gümbel  – Der hessische SPD-Landesvorsitzende Thorsten Schäfer-Gümbel spricht zu den Demonstranten.

    Die Direkt- und Listenkandidaten der SPD zur Landtags- und Bundestagswahl ließen sich draußen nicht blicken. Mehr als eine halbe Stunde machten  die von der Gewerkschaft ver.di mit Kaffee und Brezeln versorgten Demonstranten Krach. Der SPD teilten sie mit: Wenn niemand mit ihnen rede, würden sie den Parteitag leibhaftig besuchen. Kurz darauf erschien der Kanzlerkandidat Peer Steinbrück im Haupteingang, stieg in eine Limousine und rauschte davon. Der  hessische SPD-Vorsitzende Thorsten Schäfer-Gümbel hielt den Kopf hin und stellte sich den Protestierern. Ohne den Einstieg der SPD im Jahre 2004 gebe es die FR schon lange nicht mehr, sagte er in die Mikrofone und Fernsehkameras. Er wolle sich  innerhalb der SPD für die Vorfinanzierung der Abfindungen und des Sozialplans stark machen. „Gleichwohl haben die DDVG und ich Gottseidank nichts miteinander zu tun.“

    Der ver.di-Fachbereichsleiter Manfred Moos meinte: Mit dem Insolvenzverfahren habe die SPD eine allzu billige Variante der Betriebsschließung gewählt. Sie führe dazu, dass die FR-Mitarbeiter nach jahrzehntelangem Engagement maximal 500 Euro pro Beschäftigungsjahr bekämen  – irgendwann, wenn das Insolvenzverfahren zu Ende gehe. Dann greife womöglich das Sozialamt die Mini-Abfindungen ab, wenn die ehemaligen Drucker im Hartz IV-Bezug stehen.

    Die FR-Belegschaft habe die Zeitung über Jahre mit Gehaltsverzicht in zweistelliger Millionenhöhe über Wasser gehalten, erinnerte der frühere Betriebsratsvorsitzende Viktor Kalla. Es sei nicht fair, sie nun in die Wüste zu schicken. Würdevoller wäre es gewesen, eine überschaubare Summe für den  geordneten Ausstieg aus der Zeitung bereitzustellen. Man werde weiter darauf drängen. Die SPD müsse sich während des ganzen Wahlkampfes auf den Besuch wütender Arbeitsloser einstellen.

    Den Parteitag nutzten auch Fluglärm-Gegner, um die SPD-Politiker auf sich aufmerksam zu machen. Eine Gruppe von der  türkischen Zeitung Hürriyet solidarisierte sich am Samstag in Hanau mit den FR-Demonstranten und teilte mit, dass am Produktionsstandort Mörfelden-Walldorf rund 50 Arbeitsplätze in Gefahr seien. Die Stimme der Deutschen mit türkischem Hintergrund im öffentlichen Diskurs werde leiser, wenn die Dogan-Gruppe die Zeitung künftig von Istanbul aus produziere.