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    "Streiken hilft!"

    "Streiken hilft!"

    MM Graphia in Bielefeld Anne Neier/ver.di MM Graphia in Bielefeld



    1,45 Millionen Euro nur für ver.di-Mitglieder bei MM Graphia Bielefeld erkämpft

    Mit einer Reihe von Streiks konnte ver.di bei MM Graphia in Bielefeld schließlich einen Sozialtarifvertrag durchsetzen. Nach dem jüngsten Arbeitskampf erhöhte der vorher knausrige Arbeitgeber sein Angebot um zwei Millionen Euro. Rund 1,45 Millionen davon gehen allein an ver.di-Mitglieder für Abfindungen, der Rest in die weitere Finanzierung einer Transfergesellschaft. Der Sozialtarifvertrag verhindert zwar nicht die Schließung des Betriebs zum 30. September. Doch mit dem Geld werden Härten gemildert – für ver.di-Mitglieder stärker als für Nichtmitglieder.

    Von Friedrich Siekmeier

    „Wir haben unser Ziel erreicht!“ sagt Betriebsratsmitglied Constantin van der Most. Vor allem jüngere wie ältere Beschäftigte erhielten höhere Abfindungen als zuvor in Aussicht gestellt. Und auch für die übrigen Betriebsangehörigen seien „gerechte Regelungen“ gefunden worden. Van der Most freut sich, dass alles in allem Gewerkschaft und betriebliche Tarifkommission in der Belegschaft „großes Lob“ für den hart erkämpften Tarifvertrag hören.

    Frank Werneke bei MM Graphia in Bielefeld Anne Neier/ver.di Frank Werneke bei MM Graphia in Bielefeld

    „Streiken hilft,“ so hatte der ver.di-Bundesvorsitzende Frank Werneke auf einer der Streikversammlungen die zuletzt 212 Beschäftigten ermutigt (siehe vorhergehenden Bericht: ("Ex-Azubi feuert am zweiten Streiktag bei MM Graphia die Streikenden an). Werneke kennt den Betrieb. Er hatte dort 1983 eine Ausbildung als Verpackungsmittelmechaniker durchlaufen. Und dort war auch der Beginn seiner gewerkschaftlichen Laufbahn.

    Öffentliche Unterstützung hatten die Streikenden nicht nur durch den ver.di-Vorsitzenden gefunden. Auch Bundesarbeitsminister Hubertus Heil kam zu einer der Streikversammlungen. „Es geht um Menschen, es geht um Schicksale und Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer. Das sind nicht einfach Kostenstellen mit Ohren,“ hatte Hubertus Heil dem Arbeitgeber ins Gewissen zu reden versucht. Solidarität bekundeten während der Streikversammlungen auch weitere Bundes- und Landtagsabgeordnete der SPD, der Linken und der Bündnisgrünen.

    Frank Werneke hat schließlich Recht bekommen: „Streiken hilft!“ Besonders dann, wenn es so kreativ ist wie in Bielefeld. Burkhard Winterhoff, langjähriger MM-Graphia-Betriebsratsvorsitzender, ist immer noch ein wenig stolz, dass sich während der Streiks der Fachbereich bunt und einfallsreich zeigen konnte: Unterstützung unter anderen durch eine argentinische Trommelgruppe, eine spanische Songgruppe, eine gemeinsame Aktion mit streikenden Einzelhandelsbeschäftigten. Mit Kreativität und Entschlossenheit haben die Streikenden letztlich den internationalen Konzerns Mayr-Melnhof mit Sitz in Wien zu Zugeständnissen bewegen können. Denn MM Graphia ist Teil des Konzerns.

    Mayr-Melnhof gilt als einer der größten Hersteller von Karton auf Recyclingpapierbasis weltweit und führender Produzent von Faltschachteln. 50 Produktionsstandorte verteilen sich über vier Kontinente. Zuletzt (2019) betrug der Umsatz mehr als zwei ein halb Milliarden Euro. Damit erreichte MM einen Jahresüberschuss von mehr als 190 Millionen Euro, eine Steigerung gegenüber dem Vorjahr von fast 16 Prozent. MM-Vorstandschef Wilhelm Hörmanseder hat im vergangenen Jahr bei seinem Abgang 11,8 Millionen Euro kassiert, wie die Arbeiterkammer Österreichs (gesetzliche Vertreterin aller Beschäftigter in der Alpenrepublik) herausfand. Hörmanseder lag damit an der Spitze der Vorstandsgehälter der meisten ATX-Unternehmen (dem hiesigen obersten Börsenindex DAX vergleichbar) und wurde zum „Gagenkaiser“ gekürt. Sein Nachfolger, Peter Oswald, erhielt eine Gesamtvergütung von 5,1 Millionen Euro: „Nur“ Platz 3 der AK-“Hitliste“.