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    Erneut Streik im Westermann-Bildungshaus in Braunschweig

    Erneut Streik im Westermann-Bildungshaus in Braunschweig

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    Gespräche mit der Gewerkschaft lehnt die Geschäftsführung des Westermann-Bildungshauses in Braunschweig beharrlich ab. Beim jüngsten Streik Mitte Mai kam es allerdings doch zu einem direkten Meinungsaustausch.

    Von Friedrich Siekmeier 

    „Wir haben freundlich angefragt, ob denn kurzfristig und spontan ein Gespräch möglich sei,“ berichtet Sebastian Wertmüller. Er ist Geschäftsführer des ver.di-Bezirks in Süd-Ost-Niedersachsen, zu dem auch Braunschweig gehört. Wertmüller hatte zusammen mit fünf Streikenden des Bildungshauses kurz die versammelte Streikmannschaft vor dem Betriebsgelände verlassen. Ziel der Abgesandten: das Vorzimmer von Westermann-Geschäftsführer Sven Fischer. Der fand das Begehren zwar „außergewöhnlich“, berichtet Wertmüller. Doch für rund zwanzig Minuten sei es zu einem „Ping-Pong“ mit Argumenten über den Sinn von Tarifverträgen gekommen.

    Fischer habe erneut den Wert von Tarifverträgen grundsätzlich in Abrede gestellt und die „Vorteile“ seines „Systems“ einer betrieblichen Vergütungsordnung hervorgehoben. Tarifgespräche lehnt er deshalb weiterhin ab. Er rede lieber direkt mit der Belegschaft, wolle aber keine Tarifverhandlungen führen. Das muss der für Verlagstarifpolitik zuständige ver.di-Sekretär Orhan Sat allerdings schon seit Jahren erfahren.

    Westermann ist Teil eines Medienkonzerns einer Milliardärsfamilie

    Westermann-Geschäftsführer Fischer hält in Braunschweig die Stellung für den Konzern Medien-Union aus Ludwigshafen. Zu diesem gehören maßgebliche Anteile von Zeitungen wie der „Süddeutschen Zeitung“ und Monopolblättern in Stuttgart, Chemnitz und Oberndorf, ferner Radiobeteiligungen und außerdem mehrere Fachverlage, unter ihnen das Unternehmen in Braunschweig mit Marken wie Diesterweg, Schöningh, Schroedel und dem Diercke Weltatlas. Wirtschaftsblätter zählen die Konzernführer Dieter und Thomas Schaub zu den Milliardären in Deutschland; Thomas übernahm 1994 die Unternehmensleitung von seinem Vater Dieter, der sich in ein „Luxusdomizil“ bei Hammelburg zurückzog, wie das „Manager-Magazin“ berichtete, um dort in der Fränkischen Saale zu fischen.

    Westermann ist einer der drei großen Schulbuchkonzerne in Deutschland neben Cornelsen in Berlin und Klett in Stuttgart, aber der einzige ohne Tarifverträge. Trotzdem halte Geschäftsführer Fischer die Arbeitsbedingungen für vergleichbar, berichtet ver.di-Mann Wertmüller aus der Diskussion mit dem Verlagsoberen. Das sei aber eine sehr subjektive Wahrnehmung, spottet ver.di-Geschäftsführer Wertmüller: „Da vergleicht er aber Äpfel mit Birnen.“ Denn in den beiden anderen Verlagshäusern gälten unter anderem kürzere Wochenarbeitszeiten. Darüber hinaus zahlten sie zum Teil übertarifliche Zulagen.

    Demnächst Kundgebung vor der Konzernzentrale in Ludwigshafen?

    Auch beim jüngsten Streik haben sich fast 50 Beschäftigte auf dem Gehweg vor dem Verlagskomplex versammelt, eine „gute Beteiligung“ trotz Homeoffices, zeigt sich ver.di-Tarifsekretär Orhan Sat zufrieden. Denn auch während des Abflauens der Coronapandemie arbeiteten weiterhin viele Redakteur:innen an Rechnern in der heimischen Wohnung. Auch wenn sich die Verlagsspitze Tarifverhandlungen noch beharrlich verweigert, lässt sich Orhan Sat nicht entmutigen: „Weitere Aktionen werden folgen!“ In der Diskussion sei, im Sommer zu einer Kundgebung vor der Konzernzentrale der Medien-Union nach Ludwigshafen zu fahren.