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    „Vor dem Coronavirus sind alle gleich, glaubten viele“

    „Vor dem Coronavirus sind alle gleich, glaubten viele“

    Das Gegenteil ist eingetreten: Die Reichen sind in der Coronakrise reicher und die Armen zahlreicher geworden. Der Politikwissenschaftler Christoph Butterwegge beschreibt in seinem neuen Buch „Ungleichheit in der Klassengesellschaft“ die Ursachen dafür.

    Mit Blick auf die Covid-19-Pandemie räumt der Politikwissenschaftler Christoph Butterwegge mit einem anfänglichen Irrglauben auf: »›Vor dem Coronavirus sind alle gleich‹, glaubten viele. Das Gegenteil ist eingetreten: Kurzarbeit und Entlassungen hier, hohe Profite für Konzerne krisenresistenter Branchen dort.« Die bestehenden Interessengegensätze seien deutlicher hervorgetreten. »Die Reichen sind in der Coronakrise reicher und die Armen zahlreicher geworden«, beschreibt der Autor die jüngsten Entwicklungen treffend in seinem neuen Buch „Ungleichheit in der Klassengesellschaft“. Die eigentlichen Ursachen dafür sieht er jedoch nicht in der Pandemie, sondern in Besitzverhältnissen und Vermögensverteilung.

    Beim »Kampf gegen die Armut« brauche es mehr Solidarität zur Umverteilung von oben nach unten: Diese Bilanz zog der Politikwissenschaftler etwa bei den ver.di-Druckertagen 2016 im Schulungszentrum Gladenbach. Dort präsentierte er seinen Band »Armut«, nun legt er mit »Ungleichheit in der Klassengesellschaft« nach. Im Zuge der sozialen Widersprüche hat es der Begriff der »Klassengesellschaft« längst wieder aus der Mottenkiste bis hinein in die Feuilletons der Leitmedien geschafft. Butterwegge hält ihn für angebracht, um strukturelle Ursachen von Ungleichheit aufzuzeigen. Heute »verdienen deutsche Spitzenmanager einschließlich der üblich gewordenen Sonderleistungen, Erfolgsprämien und Aktienoptionen bis zu 15 oder 20 Millionen Euro pro Jahr, d.h. weit mehr als 100-mal so viel wie manche ihrer Mitarbeiter/innen«.

    Zur Ursachensuche gehört ein aufschlussreicher Streifzug durch die Kritik der politischen Ökonomie. Erstaunlich leichthändig vermittelt Butterwegge, auf welche Weise Karl Marx und andere Soziologen wie Max Weber nach dem Ursprung von Profit fragten und inwieweit dieser in den Produktions- und Eigentumsverhältnissen zu suchen ist. Er zeigt nicht nur auf, welche Bedeutung die Analysen noch heute haben, sondern geht auch auf »Machteliten und Elitenherrschaft in neueren Klassentheorien« ein.

    Erst so lassen sich die schwindelerregenden Milliardenvermögen der Klattens und Quandts richtig einordnen. Am Rande des Lockdowns schüttete etwa BMW »im Mai 2020 nicht weniger als 1,64 Milliarden Euro an Dividenden aus«. Und das Klinikpersonal? Alleinerziehende? Prekär Beschäftigte? An Bereichen wie Bildung, Gesundheit oder Wohnen zeigt der Band die soziale Polarisierung auf und kommt teilweise zu bitteren Erkenntnissen. »Wer arm ist, muss eher sterben«, ist eine davon, zugleich ein Fingerzeig auf die derzeitige Pandemie.

    Wer den Autor kennt, weiß: Das ist erst einmal eine Bestandsaufnahme, kein Grund zur Resignation. Schon einleitend wird auf »notwendige Maßnahmen der Umverteilung von oben nach unten« verweisen. Kurz: Das Buch bietet gute Argumente, es sollte zur gewerkschaftlichen Grundausstattung gehören. Auch mit der Betonung von gebotenen »Gegenstrategien« dürfte Butterwegge in jedem ver.di-Schulungszentrum willkommen sein.

    Link zum Verlag

    Butterwegge
    © PapyRossa Verlag

    Christoph Butterwegge: Ungleichheit in der Klassengesellschaft
    PapyRossa Verlag, 2020,
    183 Seiten, 14,90 Euro.
    ISBN 978-3-89438-744-0