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"Streiken hilft!" - Ex-Azubi feuert am zweiten Streiktag bei …

"Streiken hilft!" - Ex-Azubi feuert am zweiten Streiktag bei MM Graphia die Streikenden an


Kaum eine Woche nach dem ersten Streiktag bei MM Graphia in Bielefeld hat ver.di zu einem zweiten Ausstand aufgerufen. Ziel ist, einen ordentlichen Sozialplan durchzusetzen. Denn – wie berichtet – hatte der internationale Konzern Mayr-Melnhof den Beschäftigten in Bielefeld kürzlich mitgeteilt, dass der Betrieb geschlossen werden solle. Aktuell 212 Menschen würden nach dem Plan der österreichischen Konzernzentrale zum Jahresende ihren Arbeitsplatz verlieren.

 

12.07.2021

Von Friedrich Siekmeier

„Streiken hilft!“ Mit voller Überzeugung konnte der Hauptredner einer Kundgebung vor dem Betrieb die Streikenden ermuntern, nicht darin nachzulassen, wenigstens einen ordentlichen Sozialtarifvertrag durchzusetzen, wenn denn die Bielefelder Niederlassung wirklich zugemacht werden sollte. „Die Graphia war in den letzten 40 Jahren immer ein verlässlicher Streikbetrieb in vielen wichtigen Tarifrunden und auch in dieser Situation der drohenden Schließung zeigen die Beschäftigten, dass sich Widerstand lohnt. Die gesamte ver.di unterstützt die Forderungen der streikenden Kolleginnen und Kollegen bei der Graphia." so der Redner weiter.

Keine leeren Worte. Denn bei ihrem zweiten Streik erhielten die Kolleg*innen jetzt Unterstützung von jemandem, der 1983 in dem Betrieb eine Ausbildung als Verpackungsmittelmechaniker durchlaufen hatte. Der damalige Azubi blieb – mit einer Unterbrechung für den Zivildienst – bis 1993 in Bielefeld-Brackwede. Nebenher verdiente der junge Mann seine ersten gewerkschaftlichen Sporen als Vorsitzender der Jugend- und Auszubildendenvertretung. Damit war allerdings eine Weiche gestellt, nach zehn Jahren bei Graphia den Ausbildungsberuf zu verlassen. Der junge Mann schlug eine neue Berufslaufbahn ein. Die führte ihn bis in die Spitze seines „Gewerbes“ hauptamtlicher Gewerkschaftssekretär*innen.

Frank Werneke war nämlich zur zweiten Streikversammlung wieder nach Bielefeld-Brackwede gekommen, heute Bundesvorsitzender der Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft. Hat sich auch die Bezeichnung seines ursprünglichen Berufes geändert, die nicht mehr „Verpackungsmittelmechaniker“ lautet, sondern heute „Packmitteltechnologe“ heißt, so musste Frank Werneke feststellen, dass Wände seines ehemaligen Ausbildungsbetriebes gar nicht verändert seien: Sie hätten offensichtlich seit seiner Zeit dort nicht einmal frische Farbe bekommen. Damit sprach der ver.di-Bundesvorsitzende das Hauptproblem des Bielefelder Niederlassung des gute Gewinne machenden Konzerns Mayr-Melnhoff an: Investitionen für Erhalt und Modernisierung kamen in den vergangenen Jahren zu kurz. Stattdessen, so hatte schon der Betriebsratsvorsitzende Burkhard Winterhoff früher beklagt, seien Gewinne `rausgesaugt worden; Investitionen durch Mayr Melnhoff aber ausgeblieben

Hatten eine Woche zuvor die Beschäftigten für 24 Stunden die Arbeit niedergelegt, so steigern sie sich für den zweiten Streik auf 48 Stunden. Auch dieses Mal, freut sich Winterhoff, konnte der Betrieb zu 100 Prozent zum Stillstand gebracht werden. Auch war der Streik wieder akustisch sehr vernehmbar: Der argentinische Trommellehrer und Freunde konnten wieder zusammen mit den Streikenden ein lautes Konzert organisieren. Auch Frank Werneke ließ sich mitreißen und klatschte kräftig mit. Und Burkhard Winterhoff freute sich nicht nur, dass Frank Werneke, die jetzige Nummer 1 von ver.di, gekommen war, sondern überreichte auch ein Geschenk: Bei der Betriebsratswahl 1990 hatte  Werneke noch auf Platz 10 gestanden. „Da bei einem ordentlich geführten Betriebsrat nichts abhanden kommt, haben wir Werneke ein Original-Wahlplakat von damals überreicht,“ freut sich Winterhoff.