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Küster+Pressedruck: Die letzte Schicht

Küster+Pressedruck: Die letzte Schicht


01.06.2021

Liebe Kollegin, lieber Kollege,

still trennt sich die SPD von ihren Industriearbeitern. Als am Montag um 0.40 Uhr die letzten Zeitungspakete der Neuen Westfälischen den Versand verließen, war kein Vertreter der Eigentümerin anwesend. Mit der Ausgabe vom 31. Mai 2021 wurde das Druckhaus an der Industriestraße in Bielefeld-Sennestadt geschlossen. Die Tageszeitung kommt zukünftig preisgünstiger - so die Begründung - aus den Druckereien in Osnabrück und Rodenberg. Fast 100 Menschen haben ihren Arbeitsplatz verloren.

Bei den Beschäftigten an der Rotation und im Versand herrschte eine niedergedrückte Stimmung. Am Freitag, 28. Mai, wurde letztmalig die Lippische Landes-Zeitung in Sennestadt hergestellt. Die Geschäftsleitung dort feiert den Wechsel zur Druckerei des Mindener Tageblatts und die damit verbundene Verkleinerung auf das Berliner Format als Innovationsschub. Bei der NW muss man heute (01.06.2021) schon ziemlich genau hinschauen, um vom Wechsel etwas zu erfahren. Er steht im Impressum.

Die letzte Schicht im Druckhaus unterschied sich nur wenig von den Tausenden vorher. Routiniert erledigten die Beschäftigten ihre Arbeit, so wie sie es über viele Jahre gemacht hatten. Für viele von ihnen ware das NW-Tochterunternehmen Küster & Pressedruck 30 Jahre und mehr ihre Arbeitgeberin. Die Enttäuschung über die Entscheidung, eine voll funktionsfähige, eine verhältnismäßig junge, ja eine wenig störungsanfällig Druckmaschine stillzulegen, war bei ihnen allen spürbar.

Fast 50 Beschäftigte von k+p verlieren ihren Arbeitsplatz. Einige werden vorgezogen in Rente gehen, einige umschulen. Andere hoffen mit ihrer bisherigen Qualifikation neue Arbeitsplätze zu finden. Am Montag stellte eine Vertreterin der Transfergesellschaft ihre Dienstleistung vor. Es war eine Corona-bedingt eigenartige Versammlung in der Fahrzeughalle des Druckhauses. Jeder Stuhl gut zwei Meter vom anderen im Umkreis entfernt. Symbolträchtig. Die Belegschaft ist aufgelöst. “Kein noch so guter Sozialplan kann den Arbeitsplatz ersetzen”, sagte der k+p-Betriebsratsvorsitzende Michael Bensiek zum Schluss.

Die NW lässt es sich einiges kosten, das Druckhaus zu schließen. Der Interessenausgleichs- und Sozialplan ist deutlich teurer geworden als das erste Angebot der Geschäftsführung. Der Betriebsrat hat sich bemüht. Die Gewerkschaft hat auch gedroht. Hat immerhin so glaubwürdig eine Eskalation des Konfliktes erkennen lassen, dass die Geschäftsleitung mit dem Druckauftrag bereits im März für eine Woche kurzfristig nach Osnabrück ausgewichen ist. Ob sich der Konflikt rechnet? Es gibt Nachteile durch den Fremddruck, die bisher kleingeredet wurden. Das wahre Ergebnis der Schließung wird sich erst in einigen Monaten bilanzieren lassen.

Um knapp 50 Beschäftigte, die ihre Arbeit verloren haben, wird sich gekümmert. Um mehr als 40 andere allerdings nicht. Sie hatten keinen Betriebsrat. Es sind überwiegend Frauen, die für die MSB Medienservice Bielefeld GmbH, Ahrensburg, tätig waren. Diese Firma wurde 2014 in Lübeck ins Handelsregister eingetragen. Es ist eine Tochterfirma der TMI, die als Dienstleister bei einer Vielzahl von Verlagen deren Billiglohnbereich noch billiger macht.

Die NW hat 2014 einen Teil des Versandes aus der Tarifbindung entfernt. Was den Unterschied ausmacht? Die MSB-Beschäftigten wurden jetzt auch gekündigt. Mit vier Wochen Vorlauf, sagte eine der Betroffenen. Keine Abfindung, keine Transfergesellschaft. Nichts. Die Tarifbeschäftigten im Druckhaus haben zum Teil Kündigungsfristen von bis zu acht Monaten.

Bei Küster & Pressedruck begann der Abbau bereits am Montag. Die Adressiermaschine für das SPD-Parteiorgan Vorwärts wurde demontiert. Sie geht mutmaßlich nach Dresden. Im einst “roten Sachsen” hatte die SPD ihre ersten historischen Erfolge. Ein Ergebnis der einst publizistischen ambitionierten Partei ist die Beteiligung am Dresdner Druck- und Verlagshaus (Sächsische Zeitung, Tag24, …). Das Unternehmen wird von Gruner & Jahr (Bertelsmann) geführt. Tarifbindung? Was denkst Du?

Es grüßt Dein

Betriebsrat