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Neustart unter Corona-Bedingungen: Streik bei Westermann

Neustart unter Corona-Bedingungen: Streik bei Westermann

Warnstreik Westermann Bernward Comes Bei der Streikkundgebung:  – ver.di-Gewerkschaftssekretär Orhan Sat und die Bundestags-Kandidaten von Die Linke, Alper Özgür, und Christos Pantazis (SPD).


Zum Auftakt Musik aus der Konserve. Dann ein Geständnis: „Ich mag den Diercke-Atlas,“ so Christos Pantazis vor der Streikversammlung der Braunschweiger Westermann-Gruppe. „Doch gar nicht mag ich die Bedingungen, unter denen der Atlas hergestellt wird!“ Pantazis ist SPD-Kandidat zur Bundestagswahl. Er versicherte seine Solidarität ebenso wie Kandidat*innen Alper Özgur von Die Linke wie auch Margaux Erdmann von den Bündnisgrünen. Nicht völlig überraschend, sind doch alle drei ver.di-Mitglieder. Überraschender eher die telefonisch übermittelte Solidaritätserklärung des CDU-Abgeordneten Carsten Müller.

Von Friedrich Siekmeier

Ich bin doch einer, der die Firma stützt und der sie hält Der nie auf krank macht oder so, der sich noch richtig quält Ich sage: "Hey, hey, hey Boss, ich brauche mehr Geld" Viel mehr Geld

Gunter Gabriel - eines der Lieder, die auf der Streikversammlung gespielt wurden

Die Bedingungen, auf die Pantazis Bezug nahm: Seit 20 Jahren arbeiten die etwa 220 Beschäftigten der Verlage der Westermann-Bildungsmedien ohne tarifliche Absicherung. Die Redakteur*innen und Verlagsmitarbeiter*innen bringen nicht nur immer wieder den Diercke-Atlas auf den aktuellen Stand – seit 1983 bald 200 Mal – wie sie auch laut Verlags-Eigendarstellung „mehr als 16.000 Titel für alle Schulformen, Schulstufen, Fächer und Bundesländer“ herausgeben.

Allerdings ebenso – auch ohne Tarifverträge – arbeiten die gut 230 Beschäftigten der Westermann eigenen Druckerei in Braunschweig. Gemeinsam legten Arbeiter*innen wie Angestellte beider Bereiche zum Herbstanfang die Arbeit nieder.

Für die Druckerei-Kolleg*innen war der Streik eine Premiere. Der zuständige ver.di-Sekretär Orhan Sat gibt zu, vor dem Streiktermin ein wenig „Schiss“ gehabt zu haben, ob der erste Streik auch erfolgreich sein wird. Und dann das: „Die komplette Schicht ist heute `rausgegangen!“ Die die Kolleg*innen der Frühschicht ließen ab 9 Uhr die Druckmaschinen stillstehen. Die Spätschicht war zwar noch nicht zur Arbeitsniederlegung aufgerufen. Doch einige kamen schon eine Stunde vor Schichtbeginn, gleichsam zum „Training“, wie Orhan Sat sagte und damit durchblicken ließ, dass der erste nicht der letzte Streik gewesen sein wird.

A million workers working for nothing You better give 'em what they really own We got to put you down When we come into town Singing power to the people Power to the people

John Lennon

Schon mehr Streikerfahrung haben die Kolleg*innen der Braunschweiger Schulbuchverlage. Sie waren schon vor gut anderthalb Jahren mit der Forderung nach Tarifverträgen das erste Mal vor`s Verlagshaus gezogen, wollten – nach Folgestreiks – den Kampf fortsetzen. „Doch dann hat uns Corona ausgebremst“, beklagt Thomas Götjen, Mitglied der betrieblichen Tarifkommission. Und: „Super, dass wir jetzt gemeinsam mit der Druckerei kämpfen können!“

Der Weg zur Streikfähigkeit der Westermänner und -frauen war lang. Ausgangspunkt war ein erfolgreiches ver.di-„Organizing“-Projekts. So nennen Gewerkschaftsfunktionäre ein längerfristig angelegtes, planmäßigen Vorgehen in einem Betrieb, um Mitglieder zu gewinnen. ver.di-Sekretär Orhan Sat berichtet: „Am Beginn stand eine Mitgliederanalyse – und trotz anfangs beschissenem Organisationsgrad – der Aufbau einer Betriebsgruppe.“ Diese hatte bald ein zentrales Ziel: ein Tarifvertrag für alle!

„Doch klar war: Wir werden erst aktionsfähig sein, wenn wir unter den Beschäftigten 50+x Prozent Mitglieder haben,“ so der Sekretär. In den Verlagen war dieses Ziel vor fast zwei Jahren erreicht. Die ersten „Vor-Corona-Streiks“ waren die praktische Folge der Mitglieder-Werbeaktionen.

Money, money, money Must be funny In the rich man's world! Money, money, money Always sunny In the rich man's world!

Abba

In der Druckerei hat es ein wenig länger gedauert. Doch inzwischen kann Orhan Sat auch dort von einem Organisationsgrad von schon fast 70 Prozent berichten. „Ich freue mich, dass wir jetzt so geschlossen rausgegangen sind,“ freut sich ein schon etwas älterer Druckerei-Beschäftigter. „Viele Jahre hatten wir zu wenig Mitglieder. Jetzt haben wir einen ersten Meilenstein erreicht.“ Um für eine ver.di-Mitgliedschaft zu werben, konnte Orhan Sat gute Gründe vorbringen: „Die Beschäftigten bei Westermann-Druck arbeiten seit 20 Jahren 40 Stunden in der Woche. Doch bezahlt bekommen sie faktisch nur 35 Stunden.“ Das seien aufs Jahr hochgerechnet 15 Tage Arbeit ohne Bezahlung. Auch gebe es weder Urlaubs- noch Weihnachtsgeld. „Da sind zusätzliche Millionen in die Taschen des Eigentümers geflossen.“

Der Eigentümer – das ist ganz an der Spitze die Medien-Union in Mannheim. Sie gehört im wesentlichen der Familie Schaub. Quasi deren Oberhaupt ist Dieter Schaub. Der 83jährige hat sich aus den aktuellen Geschäften zurückgezogen. Die Wirtschaftszeitschrift „manager-magazin“ zählt den Milliardär schon lange zu einen der 100 reichsten Deutschen. Die aktive Rolle im Konzern hat Sohn Thomas übernommen. Durch Zukäufe hat er nicht nur erreicht, dass die Westermann-Bildungsmedien zusammen mit zwei weiteren Unternehmensgruppen den Schulbuchmarkt beherrschen.

Monopoli, Monopoli, Wir sind nur die Randfiguren In einem schlechten Spiel. Monopoli, Monopoli, Und die Herrn der Schloßallee Verlangen viel zu viel.

Klaus Lage

Thomas Schaub baute maßgeblich auch die SWMH (Südwestdeutsche Medienholding) auf. Die Gruppe gibt 16 Zeitungen, über 150 Fachinformationstiteln und 16 Anzeigenblättern heraus. Daneben hat sie Radiobeteiligungen, eine Fernseh-Produktionsgesellschaft, Druckereien, Post- und Logistikunternehmen, IT-Dienstleister sowie weitere Unternehmen, die im Umfeld des Verlagsgeschäfts tätig sind. Sie ist an über 30 Standorten in Deutschland und auch im Ausland vertreten. Insgesamt beschäftigt die Holding nach eigenen Angaben über 6000 Menschen. Sie machten 2019 (jüngste verfügbare Zahl) einen Umsatz von fast 923 Millionen Euro. Der Gewinn vor Steuern und Abschreibungen (sogenannter Ebitda) belief sich auf knapp 49 Millionen Euro.

Die Westermann-Schulbuchproduktion umfasst eine Reihe bekannter Marken wie Diesterweg, Schöningh, Schroedel und Winklers. Mit den Verlagsgruppen Klett und Cornelsen beherrschen die drei Verlagsgruppen rund 90 Prozent des deutschen Schulbuchmarkts. Bei der Tarifbindung ist die Westermann-Gruppe das „schwarze Schaf“: Sowohl die Stuttgarter Klettgruppe hat für ihre Beschäftigten Tarifverträge abgeschlossen wie auch die Cornelsen-Gruppe in Berlin. Diese wirbt darüber hinaus auf ihrer Homepage nachdrücklich mit weiteren Sozialleistungen. Wohl nicht ohne Erfolg. Denn Westermann-Tarifkommissionsmitglied Thomas berichtet von einer hohen Wechselbereitschaft in Braunschweig angesichts hoher Arbeitsbelastung. Wenn auch befristet oder neu eingestellte Beschäftigte aus Angst vor Folgen fürs Arbeitsverhältnis jetzt nicht am Streik teilnähmen, „es sind fast alle für den Abschluss von Tarifverträgen.“ Und: „Wir machen auf jeden Fall weiter!“

Mensch Mann, pack doch nicht ein, Denn du bist nicht ganz allein. Auch wenn's dir dreckig geht, Es ist noch nicht zu spät.

Klaus Lage

Der örtliche ver.di-Geschäftsführer Sebastian Wertmüller ermutigte nicht nur die Streikenden, sondern wandte sich auch an die anwesenden Bundestags-Kandidat*innen: „Wir werden auch nach der Wahl nachfragen: Was macht ihr gegen Arbeitgeber, die ihre Tarifbindung aufgeben? Was macht ihr gegen die Ausgliederung von Unternehmensteilen? Wie werdet ihr die Tarifbindung stärken?“

Eine praktische Antwort haben in Braunschweig die fast 500 Beschäftigten der Westermann-Gruppe gegeben. Doch ver.di-Sekretär Orhan Sat unterstreicht, dass man nicht „auf Krawall gebürstet“ sei. Aber die bisherige Weigerung des Arbeitgebers, überhaupt Tarifverhandlungen zu führen, sei „skandalös“. Doch die Geschäftsführer des Schulbuchbereiches, Peter Schell und Thomas Michael, bleiben hartleibig: Am Tag nach dem Streik mussten sie sich in einer (virtuellen) Betriebsversammlung Fragen der Belegschaft stellen.

Wie aus der Versammlung drang, halten die Unternehmensoberen an der Ablehnung von Tarifgesprächen fest. Aber sie äußerten sich sehr erbost darüber, dass auch die Druckerei in die Streikaktionen einbezogen worden ist. Diese stehe doch ohnehin im Stress, termingerecht zu liefern. Wohl wahr – aber aus der Druckerei hört man, das habe vor allem damit zu tun, dass der Aufbau einer Druckmaschine mit Schwierigkeiten verbunden sei. Die Maschine – sie ist nicht neu, sondern kommt aus der Westermann-Niederlassung im pfälzischen Landau. Die dortige Produktion hat der Konzern im vergangenen Jahr geschlossen; die 130 Mitarbeiter*innen haben ihren Arbeitsplatz verloren. – Übrigens:  Der Westermann-Schulbuchbereich bietet auch ein Arbeitsblatt mit der Überschrift „Streik – was ist das?“ an. Das könnte demnächst am eigenen Beispiel auf den aktuellen Stand gebracht werden.

 

Lesetipp

Die Familie Schaub mit ihrer Medien-Union (Die Rheinpfalz) und die Gruppe Württembergischer Verleger mit Eberhard Ebner (Südwestpresse) sind Hauptgesellschafter der  Südwestdeutschem Medienholding (SWMH). Wie diese agiert und ihre Beschäftigten behandelt, beleuchtet der Artikel

Die unbekannte Krake
in ver.di DRUCK+PAPIER Ausgabe 5/2019