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Westermann: Mehr Druck bei Druck und Verlag

Westermann: Mehr Druck bei Druck und Verlag


Ein weiterer gemeinsamer Streik bei Westermann in Braunschweig zeigt: Die praktische Solidarität zwischen dem Druckbetrieb und den Angestellten der Braunschweiger Schulbuchverlage steht. Waren sie in diesem Jahr im September erstmals zusammen vor die große Einfahrt zum Betriebsgelände gegangen, so haben sie nach einer weiteren Aktion im Oktober Anfang November erneut Seite an Seite die Arbeit niedergelegt. Oder genauer: Erstmals mehrtägig – an drei Tagen nacheinander. Zuerst sind die Drucker in ihren Schichten vor‘s Tor gezogen; den Abschluss haben am dritten Tag die Verlagsbeschäftigten gesetzt.

Von Friedrich Siekmeier

„Sehr gut“ sei der Streik verlaufen, zeigt sich der zuständige ver.di-Sekretär Orhan Sat mit der Mobilisierung zufrieden. Für die Dauer des Streiks hatte er sich mit einem Wohnmobil vor dem Westermannkomplex aufgestellt – sehr zum Unmut der Firma, wie Sat berichtet: „Die haben lamentiert. Der Pförtner wollte, dass ich wegfahre. Aber ich habe darauf hingewiesen, dass ich mit meinem Wohnmobil niemanden störe.“ Wenn der Westermann-Führung das nicht passe, solle sie die Polizei rufen. „Doch dann war Ruhe,“ so der Gewerkschaftssekretär.

Ein wenig Unruhe jedoch rief ein Bericht über den Streik in der „Braunschweiger Zeitung“ (BZ – Regionalblatt der Funke-Mediengruppe) hervor. Sie zitiert den Geschäftsführer von Westermann-Druck. Danach habe Orhan Sat gesagt, dass „die schwierige Lage des Unternehmens nicht relevant“ wäre für Tarifverhandlungen. Doch der ver.di-Sekretär berichtigt diese Darstellung. So sei sie nicht richtig. Orhan Sat verweist vielmehr auf ein wörtliches Zitat von ihm, das ebenfalls in dem BZ-Artikel wiedergegeben wird: „Wir sind nicht daran interessiert, den Betrieb zu ruinieren.“ Allerdings – so Sat im direkten Gespräch – sei die wirtschaftliche Lage aktuell noch kein Thema. Erst bei Tarifverhandlungen werde man darüber selbstverständlich auch sprechen. Und Orhan Sat unterstreicht: „Wir sind kompromissbereit.“

Zur Unruhe beigetragen hat auch ein Aushang des Betriebsrates wenige Tage vor dem jüngsten Streik. Der Betriebsrat informierte: „Jedes Jahr lassen wir die wirtschaftlichen Zahlen von einem unabhängigen Sachverständigen unseres Vertrauens prüfen.“ Kernaussage des jüngsten Gutachtens sei, dass die Aussagen des Druckerei-Geschäftsführers „in vollem Umfang bestätigt“ worden seien. Weiter heißt es im Aushang: „Die fest zugesagte zweiprozentige Lohnerhöhung für 2022 gibt im Grunde das Zahlenwerk laut unserem Sachverständigen eigentlich nicht her.“ Der Betriebsrat sieht sich auf dem Hintergrund der laufenden Tarifauseinandersetzung in einer schwierigen Lage: „Wir sehen es als unsere Pflicht an, im Zuge einer offenen und transparnten Kommunikation euch über diese wichtige Tatsache zu informieren.“

Gleichwohl hat die zeitliche Nähe von Aushang und Streik Stimmen in der Druckerei laut werden lassen, die quasi den Spatz in der Hand – einseitige Zusage der Geschäftsführung von Lohnerhöhung und Verbesserung von Arbeitsbedingungen – der Taube von verlässlichen Tarifverträgen vorziehen wollen. Diese Haltung versucht der Geschäftsführer von Westermann Druck, Timo Timo Blümer, noch zu verstärken: Er „sieht es nach wie vor als den richtigen Weg an, die Lohnentwicklung mit dem Betriebsrat und der Belegschaft zu besprechen und nicht mit einem fremden Dritten, der die Situation des Unternehmens ausdrücklich nicht berücksichtigt.“ So unterschiebt Blümer in der BZ der Gewerkschaft – für ihn „fremde Dritte“ – ein weiteres Mal eine Haltung, die Orhan Sat im selben Artikel ausdrücklich nicht vertritt.

Vielleicht sollte Blümer sich Lehr- und Lernmaterialien der eigenen Verlage anschauen. Dort stellen Verlags*autorinnen als den Normalfall dar, dass Arbeitgeber*innen und Beschäftigten miteinander sprechen und schließlich gemeinsam zu Tarifverträgen kommen. So findet man es in dem – nach Verlagsangaben – Gesamtprogramm von „weit mehr als 16.000 Titel für alle Schulformen, Schulstufen, Fächer und Bundesländer“ bei einer kleinen Stichprobe.

Da ist zum Beispiel keine Rede von „fremden Dritten“, sondern ganz selbstverständlich finden sich Gewerkschaft und Arbeitgeberverband zu Tarifverhandlungen beisammen. (Haustarifverträge für einen einzelnen Betrieb tauchen nicht auf, aber das geht vielleicht auch für einen ohnehin schon voll gepackten Schullehrplan zu sehr in Einzelheiten.) „Kommt es zu keinem Ergebnis, kann gestreikt werden,“ heißt es bei „Schroedel aktuell“ anlässlich der Streiks von Lokführer*innen und Lufthansa-Pilot*innen. Sogar ein Urteil des Bundesarbeitsgerichtes wird zitiert: „Tarifverhandlungen ohne das Recht zum Streik ist wie kollektives Betteln.“

Und Gewerkschaften sind nicht „fremde Dritte“.

Sie sind vielmehr „Zusammenschlüsse von Arbeitnehmern zur Vertretung ihrer Interessen gegenüber Arbeitgebern (...),“ heißt es in dem in Niedersachsen weit verbreiteten Schulbuch „Praxis Wirtschaft“ für die Klassen 7 – 10 an Real-, Ober- und Gesamtschulen. Warum sollte das für den Westermann-Konzern nicht gelten?