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    Eberl & Koesel: Neue Chefs gesucht

    Eberl & Koesel: Neue Chefs gesucht

    Eberl & Koesel ver.di Eberl & Koesel

     

    Die vorläufige Insolvenz von Eberl & Koesel ist nicht das Ende der Allgäuer Druckerei, wohl aber die Folge einer Reihe von Managementfehlern. Jetzt hofft die Belegschaft auf einen Investor, der den Betrieb fachkundig zu führen versteht.

    Von Michaela Böhm

    Eine halbe Stunde dauerte die Mitarbeiterversammlung mittags im Hof der Druckerei in Altusried-Krugzell. Die rund 140 Beschäftigten aus Büros und Produktion, die gekommen waren, wollten von Geschäftsführer Ulrich Eberl und Insolvenzverwalter Wolfgang Müller vor allem eins wissen: Wie geht es jetzt weiter? Wer übernimmt den Betrieb? Was passiert mit den Arbeitsplätzen? Am 15. März, eine knappe Woche zuvor, hatte Eberl & Koesel beim Amtsgericht in Kempten einen Insolvenzantrag gestellt.

    Doch statt Informationen gab es Appelle: Ulrich Eberl rief die Belegschaft auf, von nun an alles zu geben und sich ordentlich ins Zeug zu legen, um auf mögliche Investoren einen guten Eindruck zu machen und hohe Umsätze zu schaffen. Das sei bei den Beschäftigten, die seit zwei Jahren nahezu jeden Samstag arbeiten und durch die Insolvenz um ihre Stunden auf den Langzeitkonten bangen müssen, nicht gut angekommen, berichtet Betriebsratsvorsitzender Daniele Lupo. »Es hat niemand geklatscht.«

    Gerüchte über eine wirtschaftliche Schielflage kursierten schon länger im Betrieb. Zuerst sollten ein Interessenausgleich und Sozialplan verhandelt werden – Maßnahmen, die notwendig werden, wenn ein Unternehmen mindestens zehn Prozent der Belegschaft kündigen will. Davon war plötzlich nicht mehr die Rede. Dann kündigte die Geschäftsleitung an, wegen coronabedingter Umsatzrückgänge für sechs Monate Kurzarbeit beantragen zu wollen. Auch das war auf einmal kein Thema mehr. Bis Eberl & Koesel den Insolvenzantrag stellte.

    Eine Überraschung sei der Insolvenzantrag für ihn nicht gewesen, erzählt Betriebsratsvorsitzender Daniele Lupo. Schon beim Kauf der Buchdruckerei Kösel durch die Unternehmensgruppe Eberl Medien im Jahr 2020 war es seiner Ansicht nach ein Fehler, das Personal derart zu dezimieren. 85 Beschäftigte verloren ihre Arbeit, weitere 35 bis 40 seien von sich aus gegangen. »Wir haben daraufhin in fast allen Bereichen unterbesetzt gearbeitet.« Als einmal einzelne Beschäftigte in Urlaub waren und dann der Auszubildende krank wurde, stand eine Maschine still. So groß war die Personalknappheit.

    An Arbeit fehlte es nicht. Die knappe Personalbesetzung glich die Belegschaft mit häufiger Samstags- und Sonntagsarbeit aus. Allerdings mit zunehmendem Unmut, denn tarifliche Zuschläge wollte das tariflose Unternehmen zunächst nicht zahlen. Außerdem war es üblich, die Belegschaft bei Arbeitszeiten,  Urlaubstagen, Jahresleistung und Urlaubsgeld ungleich zu behandeln.

    Selbst eine Vereinheitlichung der beiden unterschiedlichen Unternehmenssoftwares ist Eberl & Koesel ein Jahr nach dem Zusammenschluss nicht gelungen. »Da fehlt an der umgerüsteten Maschine auf einmal das richtige Papier. Das war aber sehr wohl auf Lager, allerdings in der anderen Software gelistet«, berichtet Daniele Lupo.

    Die schlechte Unternehmensführung sorgte immer wieder für Frustration unter den Beschäftigten. Statt die Fehler anzugehen, holte sich Eberl & Koesel teure Berater ins Haus. Allein in den Jahren 2018 bis 2020 sei mehr als eine Million Euro für Rechtsanwaltskanzleien und Unternehmensberatungen ausgegeben worden, sagt Gewerkschaftssekretär Stefan Milisterfer. Zahlen für 2021 liegen noch nicht vor.

    Ein großer Teil der Kosten gehe auf das Konto einer Anwaltskanzlei, die in der Nähe des Münchener Odeonsplatz  residiert. Die habe die Geschäftsführung in unsinnige arbeitsgerichtliche Verfahren gedrängt, die das Unternehmen allesamt verlor, berichtet Milisterfer. So wollte Eberl & Koesel ver.di per Arbeitsgericht Warnstreiks für einen Haustarifvertrag verbieten lassen. Stattdessen wurde das Unternehmen vom Richter über das Grundgesetz und die Tarifautonomie belehrt.

    Die Unternehmensberatung Bachert & Partner und der Insolvenzverwalter wollten sich ver.di gegenüber nicht äußern.

    Die Ursache für die Insolvenz führt Eberl & Koesel indes ausschließlich auf die Umsatzrückgänge bei Werbedrucksachen durch Corona sowie die gestiegenen Papierpreise zurück. An Aufträgen fehle es nicht. Mit einem Bestand von rund zehn Millionen Euro verfüge die Druckerei für 2022 ein gut gefülltes Auftragsbuch, heißt es in der Pressemitteilung.

    Die vorläufige Insolvenz verschafft der Druckerei Luft: Drei Monate lang übernimmt die Agentur für Arbeit die Löhne und Gehälter der 250 Beschäftigten. In der Zwischenzeit werde mit potenziellen Käufern verhandelt. Laut Insolvenzverwalter und Geschäftsführung hätten sich bereits einige Interessenten gemeldet. Sie werden eine gut qualifizierte, motivierte Belegschaft vorfinden, moderne Maschinen und Gebäude, einen guten Kundenstamm, gefüllte Auftragsbücher kurzum: eine Druckerei, bei der alles passt. Fast alles. Oder wie Kollege Alois Irro am Ende von Betriebsversammlungen in einer bayerischen Druckerei mit erhobenem Zeigefinger zu sagen pflegte: »Noch nie hat ein Arbeiter das Unternehmen ruiniert. Es war immer das Management.«