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    Jungfer-Druck: Erfolgreicher Häuserkampf

    Jungfer-Druck: Erfolgreicher Häuserkampf

    Das Rollenoffsetunternehmen Jungfer Druckerei und Verlag erklärte 2003, sich nicht mehr an Tarifverträge halten zu wollen. Doch jetzt haben Belegschaft und ver.di einen Haustarifvertrag erreicht. Der sieht für die Firma im niedersächsischen Herzberg am Harz eine weitgehende Angleichung an den bundesweiten Flächentarifvertrag vor.

    Von Friedrich Siekmeier

    13.04.2022 - In dem jetzt abgeschlossenen Firmentarifvertrag ist verbindlich verankert: Ziel ist das  „Heranführen der Löhne und Gehälter an die im Tarifvertrag gültigen Wochenlöhne und Gehälter“, also Angleichung an den bundesweiten Flächentarifvertrag. „Ein guter Abschluss“, freut sich dementsprechend Jörg Liehmann, Mitglied der betrieblichen Tarifkommission. Der erreichte Haustarifvertrag sieht bei der Bezahlung große Schritte in vier Stufen vor. Eine vollständige Übereinstimmung haben Gewerkschaft und betriebliche Tarifkommission zwar noch nicht erreicht. Doch bei einer Abstimmung über den Vertrag haben über 99 Prozent der ver.di-Mitglieder für das Ergebnis gestimmt: „Nur zwei oder drei waren nicht einverstanden und wollten wohl noch mehr,“ berichtet Liehmann.

    Er ist auch neuer Betriebsratsvorsitzender bei Jungfer. Seine Vorgängerin Heidi Schmidt war zwar jüngst wiedergewählt worden, hatte das Amt aber aus gesundheitlichen Gründen aufgeben müssen. 29 Jahre war sie im Betriebsrat, davon zwölf Jahre als Vorsitzende. Sie kennt den Ausgang der Verhandlungen und nennt den Vertrag ein „Top-Ergebnis!“. Und ohne ihre jahrelange Vorarbeit, wäre das wohl nicht zu erreichen gewesen – dazu gleich mehr.

    Lohnsteigerungen  bis zu 16 Prozent

    Begonnen haben die Gehaltstarifverhandlungen im Herbst des vergangenen Jahres. Zu Anfang rumpelte es heftig. Denn nach ersten Gesprächen reagierte die Geschäftsleitung ein wenig beleidigt wegen eines Aushangs der Gewerkschaft im Betrieb und wollte vorübergehend nicht weiter verhandeln. Daraufhin, berichtet Jörg Liehmann, setzte der Betriebsrat eine Woche lang jeden Tag für die Schichtarbeiter:innen drei Abteilungsversammlungen an. Das führte zu Störungen im Betriebsablauf, aber auch zur Einsicht der Geschäftsleitung, wieder zu verhandeln.

    Jetzt also, gleichsam zum Frühlingsbeginn, die Einigung auf einen Haustarifvertrag – ganz ohne Streik, nur am Verhandlungstisch. Die vorher am meisten benachteiligten Beschäftigten, immerhin 44 neu eingestellte Helfer:innen seit 2003, bekommen in vier Stufen 16,2 Prozent mehr Lohn. Für die Mehrheit der gegenwärtig gut 300 Beschäftigten bewegen sich die Erhöhungen zwischen sechs und eben gut 16 Prozent; in Eurocent ausgedrückt in einzelnen Stufen zwischen 20 und 95 Cent.

    Langer Anlauf bis zum Erfolg

    Die Vorgeschichte des jetzigen Tariferfolges reicht Jahre zurück. Zur Jahreswende 2016/17 erhielt die damalige Betriebsratsvorsitzende Heidi Schmidt während ihres Urlaubs gleich zwei fristlose Kündigungen. Doch die frühere Geschäftsführung scheiterte mit dem versuchten Rauswurf der beliebten Kollegin vor dem Arbeitsgericht (siehe Druckausgabe von druck+papier vom April 2018: http://verdi-drupa.de/2018/04/18/streik-fuer-tarifbindung). Vielmehr machte sich in der Belegschaft eine Stimmung breit: „Jetzt reicht‘s!“. So berichtet der jetzige Betriebsratsvorsitzende Liehmann, die Kündigungen waren der „Tropfen, der das Fass zum überlaufen brachte“.

    In den Jahren zuvor hatten es die Beschäftigten enttäuscht hingenommen, dass Jungfer sich 2003 gegenüber dem Arbeitgeberverband zum „o-T-Mitglied“ (Mitglied im Arbeitgeberverband ohne Tarifbindung) erklärt hatte.

    Jungfer konnte damit weiterhin alle Vorteile und Dienstleistungen des Verbandes in Anspruch nehmen. Doch eine der Kernaufgaben eines Arbeitgeberverbandes, Abschließen und gegenüber den Mitgliedern für die Einhaltung von Tarifverträgen zu sorgen, galt für Jungfer als „o-T-Mitglied“ nicht mehr. Diesen Winkelzug grundsätzlich gebilligt hatte das Bundesverfassungsgericht 2010 – trotz heftiger Kritik von Gewerkschaften und auch aus der Rechtswissenschaft.

    Wendung im Betrieb nach gescheiterter Kündigung

    Weil es ver.di nach 2003 über ein Jahrzehnt hinweg nicht geschafft hatte, die Arbeitsbedingungen bei Jungfer zu verbessern, hatten viele Beschäftigte die Gewerkschaft verlassen. Doch nach den Kündigungsversuchen von Heidi Schmidt „setzte ein Umdenken in der Belegschaft ein,“ berichtet Jörg Liehmann. Eine Phase des „Organizing“ begann: In ver.di-Seminaren vorbereitet, sprach die anfangs kleine Betriebsgruppe planvoll alle Nicht-Organisierten an. „Das hat gut funktioniert“, freut sich heute noch Jörg Liehmann. Nach zwei Jahren erreichte der Organisationsgrad 90 Prozent.

    Eine weitere Entwicklung stützte faktisch die Vorbereitungen für Tarifverhandlungen, nämlich eine Veränderung in den Besitzverhältnissen des Betriebes. Im Mai 2018 übernahm die niederländische Koninklijke Drukkerij Em. de Jong die Mehrheit der Gesellschaft. Die Geschäftsführung der „königlichen“ Druckerei – diesen Titel verlieh ihr das niederländische Königshaus im Jahre 2006 anlässlich des hundertjährigen Bestehens – sah offenkundig Handlungsbedarf, die Arbeitsbedingungen bei Jungfer zu verbessern, auch „zur Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit“, wie es jetzt ausdrücklich im Tarifvertrag heißt.

    Neue Geschäftsführung will Abwandern von Beschäftigten verhindern

    Denn in den Jahren zuvor verließen etwa 60 Beschäftigte das Unternehmen, weil sie woanders besser verdienten, so bei zwei in Herzberg ansässigen Firmen des internationalen Papierkonzerns Smurfit Kappa, berichtet Jörg Liehmann. Dort hätten ehemalige Jungfer-Helfer zum Teil bis zu drei Euro mehr pro Stunde bekommen; ähnlich im immerhin 40 Kilometer von Herzberg entfernten Göttingen beim Medizinkonzern Sartorius. Doch jetzt – nach der Einigung auf einen Tarifvertrag – hätten einige ehemalige Jungfer-Mitarbeiter signalisiert, vielleicht doch zurückzukommen.

    Allerdings geriet der Einstieg der „Königlichen“ ein wenig „holprig“, blickt Jörg Liehmann zurück. Denn als Verhandlungen darüber liefen, verhandelten ver.di und die betriebliche Tarifkommission schon über einen ersten Tarifvertrag, beschränkt auf die Angleichung der unterschiedlichen Arbeitszeiten bei Jungfer. Ein nächtlicher Streik mitten im Winter bei Minustemperaturen von -10 Grad brachte einen ersten Erfolg. Nach dem ersten Haustarifvertrag sollten künftig einheitlich alle Beschäftigten 37 ½ Stunden pro Woche arbeiten. Für den Teil der Belegschaft, der vorher 40 Stunden schuften musste, gab es dabei einen vollen Lohnausgleich; ihr Bruttolohn wurde nicht abgesenkt.

    Anerkennung findet der neue Firmentarifvertrag auch auf Bundesebene. Holm-Andreas Sieradzki vom Bundesfachbereich begrüßt, dass es ver.di „nach einem langen Kampf“ gelungen sei, Jungfer wieder in die Tarifbindung zu bringen. Das Beispiel zeige, dass es „trotz der schwierigen Lage“ in der Druckindustrie möglich sei, in Betrieben wieder in die Geltung von Tarifverträgen zurückzukämpfen.