Warum wird alles teurer?

08.10.2023

»Jetzt wird die Milch teurer«, titelte das Magazin »Wirtschaftswoche« im Juli 2022. Während die allgemeine Inflation bald offiziell auf über 8 Prozent kletterte, zogen die Lebensmittelpreise besonders stark an: Zur Jahreswende 2022/23 laut Statistischem Bundesamt auf mehr als 20 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Was sind die Gründe dafür? Erschöpfen sie sich mit dem Verweis auf den Ukrainekrieg, auf Lieferketten oder Ernteausfälle? Mit einem Buch zum »Basiswissen Inflation« macht es sich Klaus Müller zur Aufgabe, den tieferen Ursachen von Preissteigerungen nachzugehen.

In gebotener Kürze wirft der Band zunächst ein paar historische Schlaglichter: Etwa auf eine Münzentwertung im 17. Jahrhundert, die als »Kipper- und Wipperzeit« bezeichnet wird, und die »erste große Inflation nach der römischen Münzkatastrophe des dritten Jahrhunderts« verursachte. Doch was waren derlei Betrügereien gegen das »Fass ohne Boden«, das sich bei den Finanzen des französischen Hofes im 18. Jahrhundert auftat? Ungedecktes Papiergeld und eine erste Aktienbank ließen auch angesichts des Kolonialwarenhandels die »Spekulationen in schwindelerregende Höhen« treiben. Weit bekannter dagegen ist die Hyperinflation Anfang der 1920er Jahre, die sich aktuell ausgerechnet zum hundertsten Mal jährte. Auf rund zehn Seiten handelt Müller diese Phase der Weimarer Republik instruktiv ab, bevor er sich »Arten und Ursachen der Inflation« zuwendet.

»Nachfragesog«, »inflatorische Lücke«, »Kostendruck« oder »Preisauftrieb an den Börsen« sind nur einige Stichworte seiner Ausführungen. Das Thema verlangt beim Lesen einiges ab, wenn etwa von »Krisenzyklen«, »Deflation«, »Geldillusion« oder »komplexer Umverteilung« die Rede ist. Doch Müller gelingt es, den Stoff anschaulich herunterzubrechen. Darauf verweisen schon Überschriften wie »Preiskumpanei« oder die Auseinandersetzung mit einem Bonmot, wonach »Inflation entsteht, wenn die Menschen anfangen, über Inflation zu reden«. Als »putzige Idee« bezeichnet Müller Verlautbarungen aus dem Dunstkreis des Instituts für Wirtschaftsforschung (ifo), Inflation ließe sich vermeiden, »wenn es gelänge, die Bevölkerung davon zu überzeugen, dass die Zentralbank eine Inflation verhindern« werde, indem sie »das Feuer« schnell austrete.

Hervorzuheben ist ein Kapitel zu »Sozialen Wirkungen von Inflation«. Wo nötig, spart Müller auch nicht mit Polemik. Von »potemkischen Dörfern« ist im Zusammenhang mit der Geldpolitik von Bundesbank und Europäischer Zentralbank (EZB) die Rede, von »Theater«, ja: von »Scharlatanerie«. Die gültige Lehrmeinung sieht anders aus, doch Müllers Schelte ist theoretisch fundiert. Wie in anderen Veröffentlichungen aus der Reihe Basiswissen des PapyRossa Verlags , so zu den Stichworten »Geld«, »Profit« oder »Monopole«, greift er zu marxistischem Besteck, um etwa die »Lohn-Preis-Spirale« als »Teil der herrschenden Ökonomik« beziehungsweise als »Kern der bürgerlichen Inflationserklärung« bloßzustellen.

In einem Kapitel zur »gefühlten Inflation«, in dem Müller der offiziell »gemessenen Inflation« mit einigen Fakten beizukommen sucht, hätte man sich etwas mehr empirisches Material gewünscht. Doch die gut 130 Seiten verlangen zugleich eine dankbare Straffung der komplexen Materie. Mit dem Band ist eine gut vermittelte Handreichung gelungen, die auch dabei helfen kann, in Diskussionen des gewerkschaftlichen Alltags zu bestehen.

Klaus Müller: Inflation
PapyRossa Verlag, 132 Seiten, 12,00 Euro
ISBN 978-3-89438-806-5