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    "Weltklasse"-Streik für einen Sozialtarifvertrag bei MM Graphia …

    "Weltklasse"-Streik für einen Sozialtarifvertrag bei MM Graphia in Bielefeld


    Nach dem ersten Streiktag bei MM Graphia in Bielefeld ist Burkhard Winterhoff hochgestimmt: „Weltklasse! Der Streik hat den Betrieb zu 100 Prozent lahm gelegt,“ freut er sich. Der Betriebsratsvorsitzender ist auch Mitglied der betrieblichen Verhandlungskommission, die einen ordentlichen Sozialplan durchsetzen will. Denn – wie schon berichtet – Anfang Mai hatte ein Vorstandsmitglied des internationalen Konzerns Mayr-Melnhof den Beschäftigten überraschend mitgeteilt, dass der Betrieb in Bielefeld geschlossen werden solle. Aktuell 212 Menschen würden nach dem Plan der österreichischen Konzernzentrale zum Jahresende ihren Arbeitsplatz verlieren.

    Von Friedrich Siekmeier

    MM Graphia Bielefeld ver.di Bezirk Ostwestfalen-Lippe MM Graphia Bielefeld


    Doch der Arbeitgeber hatte angesichts der Schließungsankündigung wohl nicht mit dem Selbstbewusstsein der Belegschaft gerechnet: „Wir haben unsere eigenen Erwartungen übertroffen,“ berichtet Burkhard Winterhoff weiter. Dabei sind die Graphia-Beschäftigten durchaus schon streikerfahren: Auch an Auseinandersetzungen um Tarifverträge für die Papierverarbeitung haben sie sich regelmäßig beteiligt. „Sehr gut! Sehr Gut!“ kann aber auch jetzt ver.di-Sekretär Daniel Hirschi nach dem ersten Streiktag am 6. Juni seine Freude über die Beteiligung am Streik und dessen „perfekte“ Organisation kaum bremsen.

    Anlass für den Streiktag war die erste Sitzung der Einigungsstelle im Betrieb. Zuvor waren Verhandlungen über einen Sozialtarifvertrag gescheitert. Nach einem Berechnungsmodell der gewerkschaftlichen Hans-Böckler-Stiftung entsteht für die Beschäftigten von MM Graphia im Laufe ihres Erwerbslebens durch die Betriebsschließung ein wirtschaftlicher Gesamtschaden in Höhe von 83 Millionen Euro. ver.di fordert nun für den Abschluss eines Sozialplans, der wenigstens die Hälfte des Verlustes ausgleichen soll – mittels Abfindungen, Finanzierung einer Transfergesellschaft, Umschulungen und Vorruhestandsregelungen.

     

    MM Graphia Bielefeld ver.di Bezirk Ostwestfalen-Lippe MM Graphia Bielefeld


    Doch in der Verhandlung darüber weigerte sich der Arbeitgeber, überhaupt ein Angebot vorzulegen – „ eine völlige Missachtung der berechtigten Interessen der Menschen im Betrieb,“ so ver.di, „damit waren die Tarifverhandlungen gescheitert, bevor sie überhaupt wirklich beginnen konnten.“ Die Reaktion der Beschäftigten: Der „Weltklassestreik“ – der erst einmal vor allem laut war. Der Beginn des Treffens der Mitglieder der Einigungsstelle war begleitet von einem gellenden Pfeifkonzert der Streikenden und ihrer Unterstützer*innen. Später folgte ein Trommelkonzert: Ein Trainer unterrichtete mehr als 20 Interessierte, wie man gespannten Tierhäuten donnernde argentinische Rhythmen entlocken kann. Die genervten Arbeitgebervertreter drängten daraufhin auf eine schnelle Mittagspause, hatten zuvor aber noch versucht, in der Kantine den Verkauf von Würstchen an die Streikenden zu unterbinden – allerdings völlig vergeblich.


    Während des Streiks versicherten mehr als 20 Redner*innen die Streikenden ihrer Solidarität. Neben Vertreter*innen von DGB und IG Metall kam viel Unterstützung aus der Politik, jedenfalls von linken Politiker*innen. Unter ihnen auch Riza Öztürk. Der Vorsitzende der SPD-Fraktion im Bielefelder Stadtrat kam aus „zwei Gründen“: Zum einen, weil er schon lange Menschen persönlich kennt, die bei MM Graphia arbeiten. Ihnen und der gesamten Belegschaft und der Gewerkschaft wolle er solidarisch zeigen, dass sie nicht allein dastehen. Doch Dr. Öztürk sieht sich ebenso zum Auftreten herausgefordert als Professor an der Bielefelder Hochschule: Der Wirtschaftswissenschaftler hat beobachtet, dass bei MM Graphia nach und nach „nicht sehr faire Bedingungen geschaffen worden sind“. Und der jetzt von der Geschäftsleitung vorgelegte Entwurf eines Sozialplans sei „lächerlich“; immer gehe es um noch ein bisschen mehr Profit.

    Begleitet war Riza Öztürk von fast einem Dutzend SPD-Funktionären und -Abgeordneten. Unterstützung kam auch von Politiker*innen der Linken. Keine Antwort erhielt Burkhard Winterhoff allerdings von den Grünen und von der CDU, auch nicht von deren Organisation für Arbeitnehmer*innen, der CDA (Christlich-demokratische Arbeitnehmerschaft).

    Wie früher schon berichtet, war die Lage bei MM Graphia schon länger schwierig. Denn schon zum Ende des vergangenen Jahres wollte der MM-Konzern den Tiefdruck in Bielefeld zumachen, was 64 Arbeitnehmer*innen betroffen hätte. Doch in Verhandlungen hatte der Betriebsrat wenigstens erreichen können, dass diese Schließung wenigstens um ein Jahr aufgeschoben wurde.

    Sicher wähnte sich die Belegschaft angesichts der wirtschaftlichen Lage des Betriebes trotzdem nicht. Zwar war der Tiefdruckbereich das „Gewinn bringende Filetstück“ des Betriebes, berichtete Burkhard Winterhoff im Mai. Doch die Gewinne seien `rausgesaugt worden; Investitionen seit der Übernahme des Betriebs durch Mayr Melnhoff aber  ausgeblieben. Daher habe es schon große Sorgen gegeben, dass nach der Abwicklung des Tiefdrucks der Restbetrieb in Schwierigkeiten kommen könnte: „Wir befürchteten einen Tod auf Raten.“ Um den abzuwenden, hatten Betriebsrat und ver.di für den Tiefdruckbereich ein Konzept für die Zeit bis 2025 erarbeitet. Doch in Monate dauernden Verhandlungen hatte die Geschäftsführung alles abgelehnt. Die Gewinnmargen in MM-Betrieben in Polen und Russland seien eben noch höher, hatte der damalige Bielefelder Geschäftsführer verlautet.

    Nötig hätte der MM-Konzern solch ein hartes Vorgehen nicht: Nach den zuletzt verfügbaren Zahlen von 2019 betrug der Umsatz mehr als zweieinhalb Milliarden Euro; damit erreichte MM einen Jahresüberschuss von mehr als 190 Millionen Euro, eine Steigerung gegenüber dem Vorjahr von fast 16 Prozent. Der Konzern gilt als einer der größten Hersteller von Karton auf Recyclingpapierbasis weltweit und ein führender Produzent von Faltschachteln. 50 Produktionsstandorte verteilen sich auf vier Kontinente.