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"Raus aus der Komfortzone"

"Raus aus der Komfortzone"

Online-Veranstaltung von ver.di Mittelfranken zum Energieverbrauch und Energiesparen - Votum für eine Seminarreihe

„Energie für Alle – aber welche und zu welchem Preis?“ war das Thema einer Online-Veranstaltung des Fachbereichs A von ver.di Mittelfranken.

Tanja Haas, freigestellte Betriebsrätin bei N-Energie und gelernte Technikerin, führte in ihrem Vortrag die Teilnehmer*innen zum besseren Verständnis zunächst in die Welt der Zahlen. Wie sie erklärte, teilt sich der Energieverbrauch in drei etwa gleich verbrauchsintensiven Sektoren mit 600 – 665 Terawattstunden im Jahr (TWh/Jahr): Verkehr (27,2 Prozent), Industrie (21,5%) und Haushalte (28,6%) sowie dem Gewerbe mit 365 TWh/ Jahr (15,7%) auf. Während der Verkehr als Primärenergieträger zu 92 Prozent auf Mineralöl setzt, sind es im Haushalt Gas (35%), Mineralöl (21,1%) und Strom (19,2%). Die Industrie verbraucht zu 37,5 Prozent Gas und zu 31 Prozent Strom.

Folgende Hauptthemen beschäftigen uns derzeit: Der Klimaschutz einerseits und zum anderen die Importabhängigkeit mit der Preisentwicklung. Während beim Verbrauch von Braunkohle zum Beispiel 399g CO2 pro Kilowattstunde entsteht, sind es beim Erdgas 201g CO2/ KWh. Daher steht der Ausstieg aus der Braunkohle zuerst an. Erdgas hat sich bereits Mitte 2021 am Terminmarkt deutlich verteuert, die Gasspeicher wurden nicht gefüllt. Dies wurde, koste was es wolle, Mitte bis Ende 2022 nachgeholt. Eine Gasmangellage werde abhängig vom Wetter sein, bereits ab einer Kaltphase von über vier Wochen schätzte Tanja Haas die Situation als kritisch ein.

Durch die Liberalisierung des Strommarktes haben wir einen Marktpreis, der durch Angebot wie Rohstoffpreise, Witterung oder technischer Verfügbarkeit und Nachfrage durch Witterung, Zeit oder Konjunktur bestimmt wird. Weiter habe die Liberalisierung zu einer sehr hohen Zahl von Marktteilnehmern geführt, die teilweise unterschiedliche Interessen haben. Preistreiber, sagte Haas, sei auf jeden Fall die Stromerzeugung, für das Jahr 2023 wird ein Strompreis von 0,50 Euro pro Kilowattstunde erwartet.

Heinz Wraneschitz, Diplomingenieur und Journalist, erläuterte den politischen Plan, dass bis 2045 nur noch erneuerbare Energie, vorzugsweise Strom als Nutzenergiequelle, eingesetzt werden soll. In Bayern hänge man bei der Windenergie nach, sagte Wraneschitz. Kleine Flusskraftwerke wurden vor langer Zeit stillgelegt. Bei Solartechnik sei man so gut aufgestellt, dass man im Sommer den Strom teilweise nicht einspeisen könne. Wenn bis 2030 die Solarenergie verdoppeln werden soll, dann erfordere dies Speichertechnologie. Nur so können „Phasen der Dunkelflaute“, wie wir sie derzeit erlebten, überbrückt werden. Als künftiger Hoffnungsträger wird der Wasserstoff gesehen.

Doch welche Lösungsansätze bieten sich sofort an? Einsparmöglichkeiten gibt es im Haushalt durch die Erneuerung alter Heizanlagen, den Ersatz von alten Fenstern mit Einfachverglasung und die Dämmung. Aber auch kleine Dinge wie ein Radiowecker spielen beim Strombedarf eine Rolle, denn er brauche in 24 Stunden mehr Strom als zwölf Minuten mit dem Staubsauger saugen.

Jeder Einzelne und jedes Unternehmen sei gefordert, sich an der Energiewende zu beteiligen: „Wir müssen hier raus aus unserer Komfortzone“, so sein Apell.

In der anschließenden Diskussion wurde für Städte der Ausbau der Fernwärme als Lösungsansatz eingeschätzt, wobei man das Gas durch Wasserstoff ersetzen könne. Zweiter wichtiger Ansatz der Energiewende in der Stadt ist der Ausbau des Öffentlichen Personennahverkehrs (ÖPNV). Für das Land und das klassische Einfamilienhaus sind die empfohlenen Wege Solartechnik, E-Auto und Wärmepumpe. Dezentrale Energie-Lösungen sollten das Ziel sein. Dem stünde aber die Macht der Übertragungs-Netzbetreiber mit ihren oft ausländischen Anteilseignern entgegen.

Da Energie auf absehbare Zeit teuer bleiben werde, sei es umso wichtiger, dass auf den sozialen Zusammenhalt unserer Gesellschaft geachtet wird. Die Diskussion war so spannend, dass spontan eine Fortsetzung des Seminars als Reihe vereinbart wurde.

Ulrich Bareiß

Unser Autor

Ulrich Bareiß
© Heinz Wraneschitz

Ulrich Bareiß ist Ingenieur und Mitglied im Bundesvorstand der Fachgruppe Druck, Verlage, Papier und Industrie wie auch im Bundesausschuss mti (Meister*innen, Techniker*innen, Ingenieur*innen). Im ver.di-Landesbezirk Bayern ist er in weiteren Gremien und Bereichen engagiert.